Am Nachmittag des 18. Mai 2016 las ich vom nahenden Aus der Hamburg Freezers. Ich kann mich noch genau an diesen Augenblick erinnern, an dem in mir eine Welt zusammenbrach: Während ich kurz vor der Mittags­pause nochmals kurz auf Facebook schauen wollte, ob irgendwas Spannendes passiert war, traf mich der Schlag. Völlig ungläubig sah ich, dass die Hamburg Freezers auf die Beantragung der DEL-Lizenz für die Saison 2016/17 verzichten werden.

Schon damals war mir klar, dass ich diesen Schicksalsschlag in einem Blogartikel verarbeiten will. Und doch hatte ich schlicht wochenlang nicht die Kraft mich auch wirklich dranzusetzen. Auch heute habe ich mit Tränen zu kämpfen und muss schon mal eine Warnung aussprechen: dies wird der wahrscheinlich emotionalste Artikel, der jemals auf Royal Sponsoring zu lesen war. Und wahrscheinlich auch zukünftig sein wird.

Unschuldige Naivität

Am 18. Mai 2016 gaben die Freezers also bekannt, dass die Anschutz Entertainment Group (AEG) als Besitzer der Freezers keine Lizenz beantragen wird. Es blieben bis zur finalen Frist für die Ein­reichung der Lizenzunterlagen gerade einmal sechs Tage, um die AEG entweder vom Weitermachen zu überzeugen oder alternativ einen neuen Investor zu finden. Sechs Tage – eine unfassbar kurze Zeit für eine unfassbar große Auf­gabe.

Der Zeitpunkt dieser Ankündigung kam vollkommen überraschend, wenn auch in der Sache nicht gänzlich uner­wartet. In den vergangenen Jahren gab es immer mal wieder Stimmen, die über einen Verkauf der Freezers sprachen. Uns als Fans hat das allerdings nicht ängstlich gestimmt – die Frage wer gerade unser Investor ist, war irgendwie nebensächlich. Wie naiv wir doch waren. In dieser Naivität hatte ich anfangs noch die Hoffnung, dass diese Ankündigung nur verhandlungstaktische Gründe hatte, um einen möglichen Investor zu einer raschen Zusage zu bringen. Allerdings schwand diese Hoffnung Tag für Tag.

Der Käpt’n geht zuletzt von Bord

Es begann ein einzigartiger Überlebenskampf. Man hatte kaum eine Chance nicht mitzubekommen, welchen Kraftakt die Fans – angeführt durch den unermüdlichen Einsatz unseres Kapitäns Christoph Schubert – geleistet haben. In der größten Crowdfunding-Kam­pagne die der deutsche Sport bis dato je gesehen hat, kamen über 500.000 EUR an privaten Spenden zusammen. Damit haben die Freezers-Sympathisanten sogar die Plattform Fairplaid.org zum Rauchen gebracht: durch die ungewöhnlich hohe Zahl an Seitenaufrufen war die Seite zwischenzeitlich nur noch mit langen Wartezeiten erreichbar. Und das Rettungsteam um Christoph Schubert und Moritz Fürste (dt. Hockeynationalspieler) schaffte es, mindestens nochmal denselben Betrag bei Unternehmen einzusammeln. Auch hatte sich anscheinend schon ein Unternehmen bereit erklärt, die Freezers für 10 Jahre als Hauptsponsor mit jährlich 550.000 EUR zu unterstützen. Angesichts der im Eishockey branchenüblichen Sponsoringeinnahmen eine gewaltige Summe und Laufzeit. Die Tatsache, dass die Freezers – nach einer Rettung – eine Marketingplattform der Sonderklasse gewesen wären, ist wohl unumstritten.

Und doch hatte der unermüdliche Kampf bekanntlich kein Happy End. Kurz vor dem Ablauf der Frist für die Beantragung der DEL-Lizenz gab der Geschäftsführer der Freezers, Uwe Frommhold, den rund 150 vor der Geschäftsstelle wartenden Fans mit zittriger Stimme das endgültige Aus bekannt: „Wir werden keine Lizenz für die kommende Saison beantragen. Es tut mir unendlich leid“, sagte er kurz vor Mitternacht. Ich war nicht vor Ort, sondern hatte versucht mich über die einschlägigen Social Media-Kanäle im Sekundentakt auf dem Laufenden zu halten. Als ich auf Twitter die Bestätigung der Horrornachricht sah, kamen gerade einmal drei Worte über meine Lippen: „es ist vorbei“.

Anschließend war Stille …

Leichtes Verständnis und brutales Unverständnis für die AEG

Je länger ich darüber nachdenken konnte, desto sachlicher wird auch meine Sicht auf die Dinge. Heute finde ich den Schlussstrich der AEG (aus geschäftlicher Sicht) sogar ansatzweise nachvollziehbar. Die Tatsache, dass ein Investor unrentable Geschäftszweige abstößt, ist wahrlich nichts Neues. Die Art und Weise wie dieser Schritt vollzogen und kommuniziert wurde, ist in ihrer Einzigartigkeit allerdings kaum zu unterbieten. Noch heute bin ich sprachlos und kann mein Unverständnis kaum in passende Worte packen. Zumindest nicht ohne mich in einer strafrechtlichen Grauzone aufzuhalten.

Ja, die Hamburg Freezers waren für die AEG ein defizitäres Geschäft: jährlich musste AEG einen siebenstelligen Betrag in die Hand nehmen, um das operative Defizit der Freezers auszugleichen. Es waren teure Jahre für die AEG, die 1999 die Lizenz für zwei Mio. DM vom (damals mit zehn Millionen Mark überschuldeten) EV Landshut kaufte und in die bayerische Landeshauptstadt nach München zog. Dort installierten sie den DEL-Klub Munich Barons, der 2000 auch deutscher Meister wurde. Aufgrund nur leicht gestiegener Zuschauerzahlen und enttäuschender Sponsoreneinnahmen verkündete AEG im Jahr 2002 überraschend den Umzug nach Hamburg. 14 Jahre lang wurde in der Hansestadt DEL-Eishockey gespielt. Zweimal wurde das Halbfinale und 10x das Viertelfinale der DEL-PlayOffs erreicht. Die Zuschauerentwicklung war positiv. So kamen in der vergangenen Saison im Schnitt über 9.000 Fans zu den Heimspielen. Anscheinend haben die Einnahmen allerdings nicht ausgereicht, um den Etat von rund 10,5 Millionen Euro zu stemmen.

Ich habe aus einer relativ verlässlichen Quelle die Information bekommen, dass die Freezers pro Spieltag ca. 150.000 EUR Hallenmiete an die Betreibergesellschaft der Halle überweisen mussten. Sollte diese Zahl stimmen, dann sind dies alleine für die Hauptrunde mit 26 Heimspielen fast 4 Mio. EUR. Um auch dies mal einzuordnen: Das ist ungefähr die Größenordnung des Gesamtetats von DEL-Clubs wie den Augsburger Panthern oder den Wild Wings aus Schwenningen. Wie gesagt: die Zahlen sind nicht offiziell bestätigt. Sollten Sie aber (auch nur grob) stimmen, dann muss man sich die Frage stellen wie viel Querfinanzierung es zwischen Arena und Club gab und wie profitabel die Freezers in einer anderen Konstellation gewesen wären. Wie gesagt: die Zahlen sind unbestätigt, aber alleine schon die groben Größenordnungen hinterlassen einen Beigeschmack.

Business vs. Romantik – ein ungleicher Kampf

Faktisch prallen die harte Geschäftsphilosophie des nordamerikanischen Profisports und die europäische Sport­romantik aufeinander. In den USA ist es nicht unüblich, dass Sportteams in kürzester Zeit in eine andere Stadt umziehen. Dazu passende Nachrichten habe auch ich in der Vergangenheit relativ emotionslos aufgenommen. Ankündigungen wie den Umzug der St. Louis Rams nach Los Angeles las ich mit Interesse, habe mir aber kaum etwas dabei gedacht. Zu abstrakt und unwirklich war das Geschäftsgebaren im US-Franchisesystem für mich. Diese emotionale Distanz ist nach dem Aus der Hamburg Freezers heute allerdings wie weggeblasen.

Im Nachgang ist mir die Frage eines amerikanischen Arbeitskollegen noch unfassbar präsent. Er war einmal mit mir bei den Freezers und konnte eine gewisse Sympathie für den Club nicht abstreiten. Nachdem ich ihm nun erzählte, was in Hamburg los ist, fragte er schockiert „are they closing the business?“. Eine Frage, die für einen Amerikaner (und grundsätzlich im englischen Sprachgebrauch) total normal ist. Und doch ist dieses eine Wort so bezeichnend für alles: business. Ja, für die AEG waren die Hamburg Freezers ein Geschäft. Für tausende Fans aber waren und sind die Freezers so unfassbar viel mehr: Heimat, Leidenschaft und z.T. Lebensmittelpunkt.

Natürlich war es nicht immer einfach Fan der Hamburg Freezers zu sein. Von Meisterschaften durften wir bestenfalls träumen, wir hatten manchen Akteur auf dem Eis, den wir auf den Mond gewünscht haben und gerade Auswärtsspiele wurden Dank Radio Planet Ice zur ‚anfassbaren emotionalen Qual’. Und doch waren wir jedes Mal mit voller Leidenschaft und Stolz dabei, wenn in unserem Wohnzimmer das Licht ausging und die Mannschaft das Eis betrat. Namen wie Schubert und Festerling werden mich auch in Zukunft aufhorchen lassen und mich mit einer ordentlichen Gänsehaut an viele wundervolle Momente mit den Freezers zurückdenken lassen.

Gerade in den wenigen Tagen des verzweifelten Kampfes ist etwas entstanden, dass einmalig war: Zusammen­halt. In den vergangenen 14 Jahren galten die Freezers oft als Kunstprodukt ohne richtigen Charakter. Und ja, natürlich konnten die Freezers nicht auf eine 100-jährige Tradition zurück blicken. Aber irgendwann muss halt auch Tradition mal anfangen. Jedenfalls wäre das Aus der Freezers ohne den Überlebenskampf nur ein weiteres namenloses Kapitel der deutschen Eishockey-Geschichte geworden. So allerdings gewannen die Freezers mit einem Schlag viele Sympathien in der Eishockeywelt.

Aufbruch in eine unbekannte Zukunft

Auch Wochen nach dem finalen Aus der Freezers fühlt es sich manchmal noch unwirklich an. Irgendwie ist gerade doch nur Sommerpause und im Herbst sitzen wir wieder in U14 und feuern mit Leidenschaft unsere Freezers an. Auch die zahlreichen Bekanntmachungen zu den Transfers ‚unserer Jungs’ wirken einfach nur abstrakt. Wahrscheinlich wird es nochmal unfassbar brutal, wenn die DEL-Saison 2016/17 startet und die Freezers dann auch wirklich nicht dabei sind. Ich werde jedenfalls an diesem Wochenende Ablenkung brauchen.

Natürlich ist die Leidenschaft für das Eishockey noch da. Ich finde Eishockey ja nicht erst seit ein paar Wochen klasse. Ich bin als Kind im Urlaub in Bad Kissingen zum 1. Mal beim Eishockey gewesen und fand es toll. Und während des Studiums folgten ab und zu Partien der Kassel Huskies und sogar des Braunlager SC/Harz. Aber spätestens nach dem allerersten Besuch bei den Freezers war klar: Der Norden sind wir.

Natürlich ist der Wunsch auch zukünftig das nah dabei zu sein ungebrochen. Aber wo? Anders als in anderen Standorten der DEL gibt es in Hamburg keine über Jahrzehnte gewachsene Organisation, die den Freezers einen Neustart in einer unteren Liga möglich macht. So wird diese Reise für mich wohl in die Oberliga Nord zu den Hamburg Crocodiles führen. Aber es wird anders sein. Es wird sportlich ein anderes Niveau sein, es werden andere Gesänge angestimmt und man wird kaum einen Akteur der Konkurrenten kennen. Es wird alles anders sein als bei den Freezers. Man wird sich langsam daran gewöhnen müssen. Man wird akzeptieren müssen, dass die Crocodiles nicht dasselbe wie die Freezers sind. Und auch gar nicht sein wollen. Und doch verdienen die Crocodiles als ‚Leuchtturm des Eishockey-Standorts Hamburg’ unsere Unterstützung. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, dass die Crocodiles in mir dieselbe Leidenschaft entfachen, wie die Freezers. Aber man sollte bekanntlich niemals nie sagen.

Ich schaue heute mit ganz anderen Augen auf das Franchise-System im Sport, auf Großinvestoren ohne emotionale Bindung zum Club und auf andere Clubs, die am Rand des Abgrunds stehen. Auch wenn es mir schwer fällt, wünsche ich sogar den Eisbären, dass Ihnen das Schicksal der Freezers erspart wird und die AEG diesen Club nicht auch noch auf das Schafott führt. Und ich habe ein Stück weit meinen Glauben daran verloren, dass am Ende immer alles gut wird.

Danke für alles

Zum Abschluss sage ich (nun wirklich mit Tränen in den Augen): Danke Freezers für so viele wunderbare Augen­blicke. Und Danke Schuby.