Nun hat mich meine sportliche Jahresplanung also in die alte Heimat verschlagen: in die Universitätsstadt Göttingen. Auf dem Programm stand mit der Tour d’Energie ein Klassiker mit anspruchsvollem Profil. Der Kurs im hügeligen Göttinger Umland ist durch und durch geprägt von langen Anstiegen, rasanten Abfahrten und dem Hohen Hagen als Tourmalet der norddeutschen Amateurfahrer. Auch wenn dieser Blogartikel mal nichts mit Sponsoring oder Doping zu tun hat, ist er doch lesenswert … glaube ich zumindest.

Aber fangen wir mal von vorne an – und zwar am 21. Februar. An diesem Tag hatte sich meine Frau dazu durchgerungen das allererste Rennrad ihrer noch jungen Triathlonkarriere zu kaufen. Als sport- und rennraderfahrener Mann ist man natürlich beratend dabei … und verknallt sich Hals über Kopf auch in eine Rennmaschine: das Simplon Kiaro Ultegra 2016. So dauerte es gerade mal 4 Tage bis ich wieder im Laden stand und mir das gute Stück nochmal anschaute. Und bestellte.

Soweit, so gut. Wenn man nun also ein Top-Rennrad zuhause hat, dann muss ja auch was damit machen. Trainingsausfahrten durch die Hamburger Vier- und Marschlande sowie das Herzogtum Lauenburg sind da uneingeschränktes Pflichtprogramm. Aber kann man nicht noch was anderes machen? ‚Natürlich’ dachte ich mir und sicherte mir spontan einen Startplatz für die 100km-Route der Tour d’Energie; eine Veranstaltung, die ich als alter Göttinger schon länger auf dem Schirm hatte. Und nun stand ich also (sinnbildlich) am Gänseliesel und hatte die härteste sportliche Prüfung des Jahres bis dahin vor der Brust.

Natürlich bin am Vortrag angereist, habe in aller Ruhe meine Startunterlagen an der Sparkassen Arena abgeholt und habe mich anschließend im Hotel einquartiert. Übrigens in genau dem Hotel, in welchem ich am Vorabend meiner mündlichen Doktorprüfung genächtigt habe. Das muss ja Glück bringen. Und anschließend ab zum entspannten Spaziergang in die malerische Göttinger Innenstadt. Wenn man nach Jahren mal wieder in der Stadt der Alma Mater ist, dann darf mal auch mal nostalgisch werden. Ob am Gänseliesel, das ich vor acht Jahren als frischgebackener Dr. küssen dürfen, am Wilhelmsplatz oder in der Kurzen Geismarstraße: Erinnerun­gen überall.

Aber natürlich schaut man nicht nur zurück, sondern macht sich auch Gedanken über Ziele für den Renntag. Einfach nur mitfahren war für mich – natürlich – keine Option. Nach langem Nachdenken konnte ich mich kurz zusammengefasst auf folgende Ziele verständigen: a) ohne absteigen den Hohen Hagen bezwingen, b) unter 4:15h über die Ziellinie fahren und c) bis an die Leistungsgrenze fahren. Sportliche Glanzleistungen zu erwarten wäre jedenfalls … sagen wir mal … idiotisch gewesen. Gerade mal zwei Ausfahrten mit einer lächerlichen Gesamtlänge von 90km hatte ich 2016 bislang auf dem Buckel und die auch noch im ultraflachen Hamburger Umland (abgesehen von zwei knackigen Anstiegen am Geesthang bei Börnsen). Auch die Tatsache, dass ich im April bereits neue persönliche Bestzeiten über die Viertel- und Halbmarathon gelaufen bin, hat keinen Höhenflug der Erwartungen zugelassen.

  1. April 2016. Das magische Datum.

Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. Warum um alles in der Welt wollte ich nur so früh wach werden? Aber was soll’s: ich habe es mir so ausgesucht und im Minutentakt wächst die Vorfreude auf den Tag.

Doch dann schon der erste Schreck. Bei einem kurzen Blick aus dem Hotelfenster trifft mich der Schlag: es schneit. Ende April DARF es nicht schneien. Und schon gar nicht, wenn ich mit dem Rennrad durch die Landschaft fahren will. Obwohl ich am Abend noch alles zurecht gelegt habe, ändere ich also meine Bekleidungswahl nochmal. Und entscheide mich schließlich für Nummer Sicher: Unter meinem Windbreaker von Nalini fahre ich mit einem Kurzarm-Trikot von Nalini und einem Langarm-Shirt von Stadium, dazu lange Radhose – schließlich soll es gefühlte 0 Grad geben. Aus wachsender Freude wird wachsende Nervosität und ich versuche mit einem ausgiebigen Frühstück die letzten Energiespeicher zu füllen. Kann es bitte schnell losgehen? Diesem Gedanken folgend mache ich viel zu früh zum Start auf … Dort angekommen frühstücke ich gleich nochmal (Danke an die klasse Organisation) und fachsimple mit anderen Mitfahrern. Dabei lerne ich, dass ich mit riesigem Abstand der unerfahrenste und untrainierteste Teilnehmer der 100km-Distanz sein muss.

Aber ich habe ein Ass im Ärmel: das erste Mal starte ich einen Wettkampf auf dem Simplon Kiaro Ultegra 2016. Das Arbeitsgerät für den Tag bringt gerade mal 6,7 Kilogramm auf die Waage und schaut einfach sportlicher aus als die alte Stevens-Rennmaschine. Ob das was bringt? Psychisch sicher. Ich fühle mich trotz immensen Trainingsrückstands bestens vorbereitet. Zumindest rede ich mir das halbwegs erfolgreich ein …

Nach einer Zeit des (gefühlt) endlosen Aufwärmens und Wartens, setzen wir uns ohne überflüssiges Tamtam (dafür in meinem Fall mit einer ordentlichen Portion Nervosität) um 10.50 Uhr endlich in Bewegung. Dann mal los. Auf in (hoffentlich) 4:15h Anstrengung und Qual, aber auch auf in 4:15 Stunden faszinierender Eindrücke. Unprätentiös, langsam, fast behäbig geht es los. Es lässt sich gemütlich an. Doch das soll sich bald ändern. Bis zum Rosdorfer Kreisel, so hatte ich das jedenfalls verstanden, sollte das Peloton neutralisiert durch die City geführt werden. Dann würden wir nochmals kurz anhalten und über eine Zeitnahmematte fahren. Kluger Gedanke; leider falsch. Ohne Ankündigung nahmen alle Fahrer schlagartig Tempo auf und das Rennen war offiziell gestartet.

Und ich bin sofort nochmal irritiert: Bin ich einfach nur in besserer Form als gedacht oder fährt das Peloton absichtlich mit gemäßigtem, ja fast schon langsamem Tempo? Mir wird klar, dass der körperliche Zustand nicht so mies sein kann: ich erkenne Streckenabschnitte wieder, die mir aus Studienzeiten noch bekannt vor­kommen. Und was mir damals wie der Mont Ventoux vorkam, läuft nun bestenfalls unter der Kategorie „lustige Bodenwelle“ … Die kritische Überprüfung dieser Erkenntnisse (war das wirklich der Hügel, den ich früher mal gefahren bin?) spare ich mir – ich WILL mich gut fühlen.

Jedenfalls sind die ersten 30-35km eine ganz entspannte Geschichte. Mit einer moderaten Reisegeschwindigkeit von 30km/h fahren wir durch das südwestliche Göttinger Umland. Während in den Vorjahren die Strecke (so die Aussagen der altgedienten Fahrer) noch über Hannoversch Münden entlang der Weser führt, kämpfen wir uns diesmal weiter nördlich (zunächst ohne Weserblick) durch die Landschaft. Ob es einen Unterschied macht, kann ich mangels Tour d’Energie-Erfahrung nicht sagen … Was ich aber sagen kann: schon jetzt haben wir starken Wind und starker Hagel nervt kollosal!

Brutal wird es (trotz veränderter Fahrtrichtung) am Bramwald werden, dem ersten richtigen Berg. So wurde es angekündigt. Aber ich komme deutlich besser als gedacht hoch. Körperlich betrachtet hat mich der lange Anstieg zum Bramwald nicht überanstrengt. Da hat sich die vorsichtige Fahrweise während der 1. Rennhälfte doch ausgezahlt. Anders als bei den vergangenen Cyclassics-Ausgaben bin ich nämlich mal diszipliniert im Hauptfeld gefahren und habe mich nicht durch zahllose Ausreißversuche aufgerieben. Man ist ja lernfähig. Trotzdem hat die folgende Abfahrt rasante Abfahrt dazu beigetragen die Muskulatur zu entspannen und Kraft für das uneingeschränkte Highlight des Tages zu sammeln: den Hohen Hagen.

Allerdings sind die ca. 25km zum späteren Anstieg auf den Hohen Hagen nicht ohne. Einerseits genieße ich die Landschaft und fühle mich lange noch topfit, andererseits sind die 6-7km vor Dransfeld Dank eines ausgeprägten Hungerastes alles, aber nicht schön. Also landschaftlich schon, nur habe ich andere Sorgen … Normalerweise kann man einem Hungerast nur mit Nahrungsaufnahme entgegen wirken – ich habe aber meine Vorräte schon aufgebraucht und muss ihn anders überwinden. Und tatsächlich: bis Dransfeld kann ich mich mit mentaler Stärke irgendwie aus diesem Loch rausfahren.

Doch dann wird die „Liste der Pässe, von denen ich noch keinen Arschtritt bekommen habe“ schlagartig um den Faktor 1 kürzer. Ok, ich bin mit 196cm nun auch nicht gerade ein prädestinierter Bergfahrer, aber ich habe einen unbändigen Willen und den habe ich auch gebraucht. Allein vom Ortsausgang Dransfeld bis zum Gipfel des Hohen Hagen hat man 155 Höhenmeter zu überwinden – auf rund 1,4 Kilometer Wegstrecke. Das bedeutet: Im Schnitt knapp über 10% Steigung. Das hört sich nicht nur böse an, das ist es auch. Das gilt besonders für die Rampe am Campingplatz in Dransfeld. Für einen Norddeutschen ohne Trainingsberge ist dieses Monstrum kaum zu überwinden! Das sind mindestens 70% Steigung … oder sowas in die Richtung. Gott sei Dank finde ich aber eine Gruppe, die sich mit ähnlicher Leidenschaft (und ähnlichem Leiden) den Anstieg hoch quält.

Die enthusiastischen Zuschauer und die über und über bemalte Straße lassen fast so etwas die Tour de France-Atmosphäre aufkommen. Würde ich die Augen zumachen (was ich natürlich nicht mache) kann man nachvollziehen, wie sich die Bergspezialisten in den 21 Kehren herauf nach L’Alpe d’Huez fühlen. Gut, dass ist dann vielleicht doch etwas übertrieben! Jedenfalls arbeiten wir uns langsam an einen anderen Starter heran. Sieht das bei mir gerade auch so bemitleidenswert aus? Kurz, bevor wir ihn überholen können, scheint seine Koordinationsfähigkeit einen Knicks zu bekommen, er kurbelt scheinbar ins Leere – fällt vor uns einfach auf den Asphalt. Ist aber nichts passiert …

Und auf einmal … ok, es waren in Wahrheit endlose Qualen später … ist der Gipfel erreicht und es geht bergab. Da darf man sich den Luxus gönnen und einfach rollen lassen. Auf einmal kommt man aus dem zuvor geschlossenen Wald hinaus – und hat einen großartigen Blick auf das Ziel der Tour d’Energie – Göttingen! Bis dahin sind es aber immerhin noch rund 25km. Aber es geht zunächst weiter bergab – juhu! Minutenlang zeigt mein Tacho nur eine 4 oder 5 an erster Stelle (Maximum auf dieser Abfahrt 57 km/h) und der Fahrtwind löst fast schon Taubheit aus.

Alles ganz easy kann man sagen. Wenn nicht urplötzlich mein Hinterrad ausgebrochen wäre … ich wage kaum auf den Tacho zu schauen, schätze meine Geschwindigkeit aber auf 50 km/h. Man hat schon mal passendere Situationen für ein ausbrechendes Hinterrad gehabt. Ich versuche langsam runter zu bremsen. Hauptsache keine überstützten Handlungen und bitte nicht mit 40+km/h den Asphalt küssen. Während ich unsinnigerweise nachdenke, was mich in diese suboptimale Lage gebracht hat (schlimmstenfalls ein Platter), versuche ich nichts zu überstürzen. Und schaffe es tatsächlich langsam zum Stehen zu kommen. Zumindest fast. Am Ende der längsten Fast-Vollbremsung der Radsporthistorie lande ich mit einer moderaten Geschwindigkeit von vielleicht noch 15-20km/h in der Vegetation und darf mich mit einen einzigen Ganzkörperschmerz wieder auf das Rad schwingen. Ach ja, einen Platten habe ich übrigens nicht … Wie mir mein Hintermann, der anhält und mir aus den Büschen hilft (!!!), später berichtet, hat mich wohl eine Kombination aus einer starker Windböe und einer Bodenwelle überrascht. Ich habe jedenfalls weiche Beine – und das liegt nicht nur an gefühlten Temperaturen um und bei 0 Grad.

Anschließend flacht die Route massiv ab und ich mache ich mir ernsthaft Gedanken, wann ich die letzten Kraftreserven aktivieren muss. Genau die Frage beschäftigt mich noch 10 Minuten: Nochmal einen raushauen oder so entspannt wie möglich ins Ziel kommen? Es war ja irgendwie klar, was als Antwort kommen musste: Kommando „raushauen“. Also ein paar Gänge hochschalten und ein allerletztes Mal aus der Gruppe ausreißen. Nicht, dass ich auf nur eine minimale Chance gehabt hätte, in die Spitzengruppe zu fahren (die Jungs standen wahrscheinlich schon seit Stunden unter der Dusche), aber was soll’s …?

Jedenfalls ziehen die Kilometer wie im Flug vorbei und schon bald löst die die Abbiegung auf die Bürgerstraüe Gänsehaut aus. Das Hirn schickt genau 1 Signal an die untere Muskulatur: „Schnauze halten und noch eine Minute arbeiten. Krampfen kannst Du später.“ Gesagt, getan: ich rolle ohne Krämpfe irgendwo im namenslosen, hinteren Feld frohgelaunt in der Bürgerstraße über die Ziellinie … Nur: was genau mir auf einmal so gute Laune verschafft hat, weiß ich beim besten Willen nicht. Mein körperlicher Zustand wird es kaum gewesen sein: Ich sehe jämmerlich aus und fühle mich auch so. Wahrscheinlich einfach einer dieser Endorphin-Schübe, die man nach körperlicher (Über-)Anstrengung hat …

Hatte ich vor dem Rennen wegen meines kolossalen Trainingsrückstandes massive Sorgen, ob ich die Tour mit den zahlreichen Anstiegen überhaupt schaffen würde, so muss ich sagen: Es hat besser geklappt hat, als erwartet! Aber es tut auch alles mehr weh als erwartet. Stellt sich nur noch die Frage: wie zum Teufel soll ich mich mitsamt Sack und Pack in die Bahn bekommen und nach Hause befördern? Ich belasse es einfach bei einem Satz und erspare Euch dann jede weitere Beschreibung: es muss ein jämmerlicher Anblick gewesen sein …

Zum Abschluss die Hard Facts

Und dann gibt es natürlich auch noch die ‚hard facts’: ich habe alle meine Ziele erreicht. Ich bin am Hohen Hagen nicht abgestiegen (auch wenn ich einmal kurz davor war), bin mit 4:09h ca. 6 Minuten unter der erhofften Zielzeit geblieben und die Leistungsgrenze habe ich aber sowas von deutlich überschritten. Meine Spitzengeschwindigkeit von 57,0km/h erreichte ich auf der Abfahrt vom Hohen Hagen. Das war für mich eine ungewohnte Erfahrung und ich muss sagen: fast 60km/h muss man auf dem Rad nicht fahren.

Mein Fazit: Die Route ist landschaftlich schön und konditionell anspruchsvoll mit dem uneingeschränkten Höhepunkt Bramwald. Klar, der Hohe Hagen war auch klasse, aber tat einfach zu sehr weh, um das Highlight zu sein. Was mich begeistert hat, war die rücksichtsvolle Fahrweise (fast) aller Starter, die begeisterten Zuschauer am Streckenrand (trotz Kälte, Wind und Hagel) und eine wunderbare Organisation. Kurzum: Ein 1a-Gesamtpaket, dessen Ausgang mich vor allem glücklich stimmt. Nur mein Knie hat den Geist aufgegeben und wird mich wahrscheinlich noch eine Woche bei jeder Bewegung schmerzhaft an die Tour d’Energie erinnern. Aber was soll’s: Pain Leaves, Pride Stays …