Anfang dieser Woche ging eine Nachricht durch die Presse, die sich fast wie ein schauerliches Untergangsszenario las: Mit dem FC Sochaux fällt erstmals ein europäischer Club in die Hände chinesischer Investoren. Je nach Medium schwankten die Beiträge zwischen einer vorsichtig-mahnenden Berichterstattung und Panikmache à la ‚China übernimmt den Fußball als solchen‘.

Normalerweise reagiert Royal Sponsorship nicht auf tagesaktuelle Nachrichten. Und doch will ich an diesem Punkt einmal ernsthaft nachfragen: Was genau ist daran nun so schlimm ? Die Tatsache, dass die Nachricht Niederschlag in der Sportmarketing-Diskussion findet, ist nur logisch. Aber warum derart negativ ? Es ist allgemein bekannt, dass milliardenschwere Mäzene und finanzstarke Unternehmen mit aller Macht zum Angriff auf die europäische Fußballkrone blasen. In (fast) allen europäischen Topligen tummeln sich Scheichs aus Katar oder Abu Dhabi, Unternehmen wie Russlands Energieriese Gazprom oder Oligarchen wie Rinat Achmetow und Roman Abramowitsch. Und trotz aller Kritik hat man sich mit diesem Zustand im Laufe der Jahre abgefunden. Also nochmal die Frage: Was macht chinesische Investoren so besonders ?

Schauen wir uns doch einmal in Ruhe an, was in Sochaux tatsächlich abläuft. Die harten Fakten sind dabei erstmal recht einfach: Der FC Sochaux-Montbéliard hat einen neuen Besitzer. Ab sofort wird die chinesische Unternehmensgruppe LEDUS (ein in Hongkong ansässiger Elektronik-Konzern) zum arg überschaubaren Kauf­preis von gerade einmal 7 Mio. EUR sämtliche Gesellschaftsanteile halten. Zuvor war der FC Sochaux-Montbéliard (seit seiner Gründung im Jahr 1928) eine hundertprozentige Tochter der PSA Groupe. Sollte nicht bekannt sein, wer oder was die PSA Groupe ist: Dahinter verbirgt sich Europas zweit­größter Automobilhersteller – mit seinen bekanntesten Marken Peugeot und Citroen. De facto wurde der FC Sochaux-Montbéliard als Art Betriebssportmannschaft Peugeots gegründet. Der Löwe aus dem Peugeot-Logo wurde passend dazu Bestandteil des Clubwappens und das Stade Auguste-Bonal lag schon in den ersten Tagen des Clubs in unmittelbarer Nähe zu den Peugeot-Produktionsstätten. Auch wenn die großen Erfolge des Clubs (zwei Meisterschaften in den 1930er Jahren) weit in der Vergangenheit liegen, ist der ostfranzösische Industrieort doch auf der französischen Fußball-Landkarte fest verankert. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die PSA Groupe traditionell der sichere Rückhalt war, der wirtschaftliche Stabilität gewährleistet hat. Ohne das dauerhafte Engagement der PSA Groupe wäre Sochaux kaum wettbewerbsfähig gewesen. Als Dorf mit gerade einmal 4.000 Einwohnern (der Großraum Sochaux-Montbéliard hat auch nur 110.000) wären die strukturellen Herausforderungen ohne PSA mehr als nur eine Nummer zu groß gewesen. Bedauerlicherweise trat in den vergangenen Jahren ein schleichender sportlicher Niedergang (aktuell spielt Sochaux in der Ligue 2) ein, der kausal durch die Krise der Automobilbranche begründet war. Seit dem Ausbruch dieser Krise ist es für die PSA Groupe immer schwieriger geworden, die finanzielle Unterstützung für den Club vor den Mitarbeitern zu rechtfertigen, zumal parallel ein massiver Stellenabbau stattfand. Als logische Konsequenz dachte man im Hause PSA schon länger darüber nach, die Clubanteile an einen Investor zu veräußern. Und Anfang 2015 war es dann soweit: die ersten Gerüchte, dass es einen Interessenten aus China geben soll, sickerten an die Presse. Wie man heute weiß, waren es mehr als nur Gerüchte.

Über die Motivation und die Ambitionen von LEDUS ist allerdings kaum etwas bekannt. Für die neuen Besitzer versprach Vorstandschef Li Wing Sang Kontinuität auch in der Führung des FC Sochaux-Montbéliard und gab als kurzfristiges Ziel die schnellstmögliche Rückkehr in die Ligue 1 aus. Zunächst hört sich dies v.a. nach einer Fortführung der PSA-Politik an, die vor allem auf Nachhaltigkeit setzte und von Größenwahn weiter entfernt war, als die Erde vom Jupiter. Und trotzdem sind die Anhänger von Sochaux skeptisch, wenn gleich der Großteil dem neuen Investor grundsätzlich positiv begegnet. Die Angst, wie Grenoble Foot zu enden, das nach der Übernahme durch japanische Investoren in die Insolvenz ging und heute im Amateurbereich dümpelt, besteht allerdings nach wie vor. Daher kommen natürlich viele Fragen auf: Soll der Club nur als Marketinginstrument für LEDUS fungieren oder gar nur eine Trophäe sein ? Wird man so viel investieren, dass der Club dauerhaft um die europäischen Plätze spielt oder wird stattdessen das Mittelmaß in der Ligue 1 als Ziel ausgegeben ? Wird es zu großen Veränderungen am Clublogo kommen oder werden gar die Clubfarben gewechselt ?

Die Antwort auf diese Fragen kann momentan nur lauten: Man wird abwarten müssen. Oder man glaubt dem LEDUS-CEO Li, der vielsagend dieses Statement von sich gibt: „Wir wollen ein langfristiges Engagement. Wir möchten nichts verändern und niemanden aus dem Herzen des Clubs entfernen. Wir möchten die Kultur des Clubs bewahren und seine Geschichte fortschreiben. Wir möchten Sochaux aber auch zu einer Marke entwickeln, um möglichst viele Märkte erreichen zu können“. In anderen Worten: Man wird abwarten müssen. Eine Grundsatzkritik am Engagement, ganz nach dem Motto ‚die bösen Chinesen machen unsere Fußball-Tradition kaputt‘, kann ich jedenfalls nicht nachvollziehen.