Die Zweitligasaison 2015/16 ist gerade gestartet. Traditionsclubs sind zurück, die Favoriten haben erste Ausrufezeichen gesetzt und niemand mag RB Leipzig.

In den vergangenen knapp sechs Jahren ist Red Bull Leipzig, sorry RB Leipzig, zum wohl unsympathischsten Club des deutschen Fußball avanciert. Man hat es mit Bravour geschafft der TSG 1899 Hoffenheim dieses Stigma abzujagen. Nicht nur RB als Club wird an den Pranger gestellt (Synonyme wie Brauseclub sind in der öffentlichen Diskussion noch das harmloseste), sondern auch Red Bull wird als Dämon des Fußball wahrgenommen. Aber mal ganz unter uns: Herausragende Leistungen der sportlich Verantwortlichen und der Durchmarsch in die 2. Bundesliga sind nun ganz klar nicht dazu gedacht derart negative Reaktionen auszulösen. Also was genau kann man RB tatsächlich vorhalten ?

Klar ist: Ohne die Millionen von Red Bull gäbe es weder den Club noch Zweitligafußball in Leipzig. Ja, das Potential des Clubs ist gewaltig und noch dazu ohne große Eigenleistung entstanden. Und ja, die Anleitungen zum Jubeln, die vor Heimspielen über die Videoleinwände laufen, befremden mindestens genauso wie die sehr eigenartige Struktur des Klubs mit seiner rigiden Mitgliederpolitik. Niemand muss RB Leipzig gut finden und fast niemand findet RB Leipzig gut. Aber warum denn eigentlich nicht ? Kann man nicht auch diese Position akzeptieren: RB Leipzig ist ein Paradebeispiel für Aufbauhilfe Ost. Jahrelange wird medial das Bild des am Boden liegenden Ost-Fußballs gezeichnet und man bedauert, dass Ostdeutschland auf der Fußball-Landkarte nur in den unteren Ligen stattfindet. Und nun drängt ein Leipziger Club mit aller Macht ins Rampenlicht und auch das passt nicht ? Ich kann mich noch gut an die vielen negativen Social Media-Reaktionen auf den Aufstieg von RB in die 2. Bundesliga erinnern. Und sogar die Süddeutsche Zeitung orakelte, dass das Projekt RB Leipzig „das Ende der Fußballwelt ist, wie wir sie einmal kannten“. Doch bei aller Sozialromantik: So etwas wie unschuldigen Fußball gibt es schon lange nur noch in den untersten Klassen. In allen auch nur halbwegs professionell organisierten Ligen geht es am Ende des Tages um zwei Ziele: möglichst großen sportlichen Erfolg – und dabei wirtschaftlich erfolgreiche zu sein. Oder vereinfacht: Titel und Geld.

Doch nun kommt bei RB Leipzig ein neuer Aspekt dazu: Der Club wurde nur gegründet, um mehr Getränkedosen zu verkaufen. Und diesem strategischen Ziel wird vieles untergeordnet. Und um es zu erreichen will RB Leipzig ganz oben anzuklopfen. Nicht nur in der Bundesliga, sondern auch international. Daran dass dies langfristig auch funktionieren wird, kann man kaum zweifeln. Wer es trotzdem macht, unterschätzt die gewaltige Wucht von Red Bull. Eine halbe Milliarde Euro gibt das Unternehmen im Jahr weltweit für Sportmarketing aus. Nur Nike, Adidas und Coca-Cola investieren noch mehr Geld im Sport. Allerdings folgt Red Bull einem radikal anderen Ansatz als 99,9% aller Sportsponsoren. Red Bull sponsert nicht nur, Red Bull übernimmt das Ruder. Ganz nach dem Motto „Wir kaufen nicht einfach für einen Koffer voller Geld einen Kotflügel, um ihn mit unserem Logo zu bekleben, wir betreiben unseren eigenen Rennstall, wir übernehmen selbst die Verantwortung“. Red Bulls Anspruch ist also nicht nur Hauptsponsor zu sein, sondern der Club selbst. Das ist eine wahre Revolution im konservativ geprägten deutschen Fußball, der Werte wie harte Arbeit, Moral und Tradition beständig hochhält. Überhaupt: Tradition ! Wie komfortabel und einfach es doch sein kann, Tradition zu preisen. Sie ist oft das letzte Argument und die Trutzburg, wenn die Argumente erstmal ausgegangen sind. Nicht nur Argumente gegen RB Leipzig, sondern gegen alles, was nicht mindestens 40 Jahre Bundesligazugehörigkeit hinter sich hat. Schauen wir uns doch nur mal die Reaktionen auf den Triumpf des VfL Wolfsburg im DFB-Pokal an. Fast die Hälfte aller Reaktionen auf Twitter gingen in dieselbe Richtung. Und diese Richtung war pure Häme ob der mangelnden Tradition des VfL. Einfach nur lächerlich.

Und doch erhalten Clubs wie Hoffenheim oder Wolfsburg nur noch die ‚Traditionsschelte’, wenn sie sich sportlich aus dem Schatten herauswagen, während RB Leipzig 365 Tage im Jahr als Sinnbild des ‚Retortenclubs ohne Tradition’ stilisiert wird. Die Historie des RB Leipzig – halt ein einmalig rasanter Aufstieg zur Unpopularität. Aber ist das fair ? Gibt es überhaupt gute und schlechte Sponsoren im Fußball ? Und lebt ein Club wie bspw. Schalke 04 mehr Moral als RB Leipzig? Fragen wir doch mal nach: Wie viel Kommerz trägt denn Schalke 04 in sich, das seine Heimspiel in einem Stadion mit dem Namen VELTINS ARENA austrägt und den Schriftzug des nicht gerade unumstrittenen russischen Energiekonzerns GAZPROM auf der Brust zur Schau stellt ? Dies ist nun ganz sicher kein Schalke-Bashing, aber man kann ja mal darüber nachdenken …

Und doch kann ich alle Kritiker des RB Leipzig bzw. des Sponsors Red Bull verstehen. Dieser agiert sich einem bislang unbekannten Durchsetzungswillen und stellt Grundparameter des deutschen Fußball in Frage. Schauen wir uns nur einmal die Namensfrage an. In Deutschland darf kein Fußballclub (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel) den Namen eines Sponsoren tragen. Genau deswegen musste ich mich ja auch am Anfang korrigieren und schrieb „Red Bull Leipzig, sorry RB Leipzig, …“. Was zuvor nur den deutlich kleinere und unbedeutende LR Ahlen, dessen Abkürzung LR wie zufällig auch für das Unternehmen des Sponsors Helmut Spikkers (LR International) stand, praktizierte, findet auf einmal auf der großen Bühne statt. Das Verbot, mit dem Clubnamen zu werben, unterläuft Red Bull jedoch viel konsequenter. Angesichts der Marketingkampagnen des Clubs bedarf es keiner besonderen Transferleistung von Roten Bullen zu Red Bull mehr. Noch kürzer ist der Weg vom Vereinswappen zum Logo des Getränkeherstellers, die Unterschiede fallen bei flüchtigem Blick nicht auf. Da wirkt es fast rührend, dass in der Fankurve von RB Leipzig trotzig „Rasenballsport allez, allez, allez“ gesungen wird und einige Fans sich Rasenballisten nennen.

Aber ich frage nochmals: Was genau kann man RB Leipzig tatsächlich vorhalten, was diesen Hass auf die Leipziger verursacht. Man muss den Rasenballisten nicht mit Sympathie begegnen (das erwartet auch niemand), aber die aktuelle Stammtischstimmung kann ich nicht nachvollziehen. Sie wird weder dem Engagement Red Bulls noch der Arbeit der Verantwortlichen in Leipzig gerecht. Ja, ich oute mich. Ich finde das Projekt RB Leipzig mehr als spannend. Und ja – ich finde, dass Leipzig in die Bundesliga gehört. Mein Appell an die zahllosen Fußballromantiker lautet daher: Lasst uns mit den Scheinargumenten von Kommerz und Tradition in Ruhe! Ein ausverkauftes Stadion, 45.000 Zuschauer und RB Leipzig als Repräsentant der Bundesliga in Europa: Das wird kommen und irgendwann auch Tradition sein. Dann auch ganz offen als Red Bull Leipzig. Und das ist gut so !