Leicester City steht in der englischen Premier League nicht nur kurz vor der historischen Meisterschaft, sondern hat in ganz Europa (wenn nicht auf dem gesamten Globus) die Sympathie vieler Fußball-Fans für sich gewonnen. Das Märchen vom Fast-Absteiger der vergangenen Saison, der auch vor dieser Saison als klarer Abstiegskandidat galt und nun die großen Clubs blamiert, ist einfach zu schön. Es gibt den alteingesessenen Fans die Hoffnung zurück, dass die Millionenausgaben der Manchester Citys, Manchester Uniteds und Chelseas dieser Welt am Ende nicht alleine über den Ausgang der Meisterschaft entscheiden. Auch ich habe durchaus Sympathien für Leicester und auch ich wünsche der Truppe die Meisterschaft. Aber: vom Märchen der tapferen Underdogs, die den kapitalistischen Fußball verändern und dabei sowas wie die ‚weißen Ritter‘ sind, sind wir Lichtjahre entfernt.

Ich habe mich mal näher mit dem Phänomen Leicester City auseinander gesetzt und bin auf drei Punkte aufmerksam geworden, die den märchenhaften Glanz doch etwas verdunkeln.

Transferausgaben

Nur um die finanziellen Dimensionen mal zu ordnen: Leicester City ist vor der Saison für etwas mehr als 50 Mio. Euro auf Einkaufstour gegangen. Auch wenn dies in der Premier League (aufgrund der aberwitzigen TV-Verträge) tatsächlich eine relativ niedrige Summe ist: in der Bundesliga haben bspw. nur der FC Bayern, Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg mehr in Spielertransfers investiert. Insofern kann man sagen: Hut ab Leicester City – ihr habt ein gutes Näschen gehabt. Von einer Billigmannschaft sind die Foxes aber auch an diesem Punkt ein ganzes Stück entfernt. Würde Darmstadt 98 mit Transferausgaben von 950.000 Euro kurz vor Meisterschaft stehen, würde ich einfach nur noch Staunen. Aber so …

Dubiose Finanzgeschäfte der Vergangenheit

Einem Bericht des Guardian zufolge ermittelt die Football League gegen den Club. Es geht um einen angeblichen Scheindeal aus dem Januar 2014, mit dem der damalige Zweitligist Verluste verschleiert und eine Bestrafung umgangen haben soll. Leicester beauftragte damals eine gerade erst gegründete Firma namens Trestellar mit der Vermarktung im Vereinigten Königreich und in Asien. Dadurch verringerte der Verein seinen Verlust in diesem Geschäftsjahr auf einen Schlag um knapp 14 Millionen Euro. Andernfalls hätte Leicester gegen die damals gerade neu geschaffenen Financial-Fairplay-Regeln der Football League verstoßen.

Trestellar hat enge Verbindungen zu Leicesters thailändischem Besitzer Vichai Srivaddhanaprabha und verkaufte die Vermarktungsrechte an dessen Firma King Power. Srivaddhanaprabha besaß diese Rechte als Besitzer aber schon längst, King Power ist zudem Leicesters Trikot-Sponsor und auch Namensgeber für das Stadion. Dem Bericht des Guardian zufolge haben sich mehrere Clubs beim Verband beschwert, die damals mit Leicester in der zweiten englischen Liga spielten. Von der Football League ist zu erfahren, dass man Leicesters Finanz­bericht aus der Saison 2013/14 noch nicht abgenickt hat.

Ok, dieses dubiose Geschäft liegt mehr als zwei Jahre zurück und hat kaum etwas mit der aktuellen sportlichen Situation zu tun, aber es kratzt gewaltig am Saubermann-Image der Foxes. Und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob Leicester heute überhaupt in der Premier League spielen würde, wenn man damals nicht ‚kreative Finanzgeschäfte‘ getätigt hätte.

Dopingvorwürfe

Mit diesem Thema kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Bislang hat nur der Londoner Gynäkologe Mark Bonar behauptet, in den vergangenen sechs Jahren rund 150 Athleten mit Dopingpräparaten versorgt haben. Brisant ist aber, dass darunter auch Fußball-Profis von Arsenal, Chelsea und Leicester City gewesen sein sollen.

Natürlich weisen die drei Premier-League Clubs wiesen die Doping-Vorwürfe zurück. „Die Anschuldigungen sind falsch und entbehren jeder Grundlage“, hieß es in einer Mitteilung des FC Chelsea. Der Verein habe niemals die Dienste von Bonar in Anspruch genommen und keine Kenntnis davon, dass Chelsea-Spieler von ihm behandelt worden seien. Auch Arsenal und Leicester stoßen in dasselbe Horn und bekräftigen sich zu 100% an die Dopingrichtlinien zu halten. Der Name Leicester ist aber gefallen und ein fader Beigeschmack kann bleiben …

Wird das Märchen von Leicester also durch einen Manipulationsskandal entzaubert? Noch ist die Beweislage zu dünn, um die Fußballromantiker vom Glauben abfallen zu lassen. Noch bestaunen sie Robert Huth und seine stählernen Abwehrkollegen, wie sie sich den hochgerüsteten Gegnern entgegenwerfen. Sie bestaunen den bis dato unbekannten N’Golo Kanté, der Spiel für Spiel beweist, derzeit der beste Mittelfeldspieler auf der Insel zu sein. Und natürlich das Offensivduo Riyad Mahrez und Jamie Vardy, das bei den rasanten Kontern vorne ein höllisches Spektakel aufführt. Und auch ich wünsche mir, dass die Foxes die Meisterschaft holen. Man gönnt es halt doch irgendwie den Außenseitern. Die verklärte Romantik ist bei mir allerdings verflogen …