Was macht man am Sonntag Nachmittag nach einem anstrengenden 10,55km-Lauf, den man in atemberaubender Zeit absolviert hat ? Richtig, man lässt es langsam angehen und relaxed u.a. vor dem TV. Genau das habe ich am Sonntag getan und bin dabei an der Sportreportage des ZDF hängen geblieben. Ein Beitrag hat sich dabei um Doping in der kenianischen Laufszene gedreht und mich zum Nachdenken angeregt. Aber warum genau?

Ostafrika – Laufdominanz pur

Man könnte meinen, dass die Dominanz der ostafrikanischen Läufer auf den Mittel- und Langstrecke quasi von der Natur gewollt ist. Gerade vor knapp 2 Woche haben Kenias Läufer die Halbmarathon-WM im walisischen Cardiff quasi im Alleigang unter sich ausgemacht. Als Dritter des Männer-Rennens holte der britische Superstar Mo Farah die einzige Medaille, die nicht in das ostafrikanische Land ging. Bei strömendem Regen siegte Geoffrey Kamwowor in ausgezeichneten 59:10 Minuten vor seinem kenianischen Landsmann Bedan Muchichi (59:36) und Doppel-Olympiasieger Farah (59:59). Unter den Top 10 lagen zwei weitere Kenianer und drei Äthiopier. Noch ausgeprägter war die Dominanz Ostafrikas bei den Frauen: Dort bildeten fünf Kenianerinnen und drei Äthiopierinnen die Top 8. Jahrelang nahm man an, dass v.a. die Praxis des vielen Laufens in der Kindheit, genetische Grundvoraussetzungen und auch Unterschiede bei den Trainingsmethoden ausschlaggebend für die riesigen Leistungsunterschiede sind.

  • Und ja: Kinder in bspw. Kenia sind aufgrund der Infrastruktur des Landes schon von klein auf gezwungen, sehr weite Schulwege zu Fuß zurückzulegen.
  • Und ja: In den afrikanischen Ländern wird ein auf die Intensität ausgerichtetes Training betrieben, das den Einsatz von Muskelfasern begünstigt, die im Wettkampf höhere energetische Ansprüche erfüllen können. Daher ist es möglich, dass die Fähigkeit zum Laufen mit höheren Prozentwerten der VO2max auf physiologischen Anpassungen beruht, die durch das hochintensive Training und die mentale Gewöhnung an das häufige Aushalten solcher Belastungen induziert werden.
  • Und ja: Auch wenn ein kausaler Zusammenhang zwischen Abstammung und Leistungsfähigkeit nie nachgewiesen werden konnte, ist die hohe Stabilität in der Besetzung der Spitzenplätze im Laufbereich selbst bei unterschiedlichem Rekrutierungsverhalten und unterschiedlichen Umweltbedingungen ohne genetische Ursachen extrem unwahrscheinlich.

Gründe für den Aufschwung ostafrikanischer Läufern

Und doch stellt sich die Frage: Haben sich die fehlende Infrastruktur, die Trainingsmethoden und genetische Unterschiede erst in den vergangenen 30 Jahren herausgebildet? Ich frage aus einem einzigen Grund: Noch 1985 fand sich bspw. kein Kenianer unter den Top 30 der Marathonis wider. Erst mit der Weltmeisterschaft des in Japan trainierenden Douglas Wakihuri und den Siegen seines kenianischen Landsmanns Nandi Ibrahim Hussein (u.a. Honolulu, Boston und New York) hat sich der Fokus des kenianischen Laufsports verstärkt von der Paradedisziplin 3000m Hindernis auf die Langstrecke verlegt. Und nur 20 Jahre später (2009) beherrschten die Läufer des schwarzen Kontinents mit 26 Platzierungen (davon alleine 23 aus Kenia) die 30 Besten auf breiter Front. Natürlich mag dies mit einer Professionalisierung der nationalen Sportorganisation zusammenhängen. Dass allerdings nahezu alle nicht-ostafrikanischen Verbände parallel geschlafen haben und verpasst haben ihre Trainingsmethoden anzupassen, kann man glauben. Muss man aber nicht. Also haben wir de facto (und vereinfacht ausgedrückt) zwei Möglichkeiten:

  • Genetische Vorteile. In diesem Fall könnte man als bspw. Europäer die olympischen Koffer packen und sich getrost auf die kontinentalen Meisterschaften konzentrieren. Obwohl: auch in Europa laufen in jüngster Vergangenheit immer mehr ostafrikanische Läufer unter europäischem Pass mit. Und die europäischen Marathonfelder sind sowieso vollbesetzt mit Afrikanern …
  • Doping. Kenias Langstreckenläufer sind seit Jahren durch positive Dopingtests in Misskredit geraten, vieles deutet auf systematischen Betrug in der Lauf-Nation Nummer eins hin. Was auffällt ist, dass es etwas wie Prophylaxe in Kenia nicht gibt. Das Doping-Kontrolllabor, dessen Einrichtung in Nairobi seit Jahren angekündigt wird, bleibt ebenfalls ein Phantom. Dabei sind die IAAF und die größten Marathon-Veranstalter der Welt bereit, dessen Betrieb finanziell zu unterstützen. Das hat nach dem Leichtathletik-Weltverband IAAF nun allerdings auch die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA erkannt und den Druck auf Kenia erhöht. Die WADA teilte mit, dass der Status der kenianischen Anti-Doping-Agentur (ADAK) trotz der Einleitung einiger Reformen „nach wie vor nicht mit dem Anti-Doping-Code“ übereinstimme.

Dopingbekämpfung findet de facto nicht statt

Unter anderem fordert die WADA den Beschluss eines Anti-Doping-Gesetzes sowie die Sicherstellung der Finanzierung der ADAK. Und natürlich müssten entsprechende Regelungen aus Anwendung in der Praxis finden: Bislang war es v.a. die Untersuchungskommission von Kenya Athletics, die das Thema Dopingkontrolle verantwortete. Blöd nur, dass die Untersuchungskommission völlig überdimensioniert besetzt wurde und das Gremium unter der Leitung des in Natur- wie Rechtswissenschaft ausgebildeten Professors Moni Wekesa so lange durch das Land reiste, bis das Budget verbraucht war.

Die Gesamtsituation führt dazu, dass de facto heutzutage in Kenia keine Dopingkontrollen für kenianische Sportler stattfinden. Auch wenn im Rahmen von internationalen Wettkämpfen (natürlich) regelmäßige und strikte Kontrollen vorgenommen werden (sollten), haben die kenianischen Läufer damit natürlich Narrenfreiheit im Training. Ganz offensichtlich gibt es ein staatlich geduldetes Dopingsystem im Land. Im scheue noch etwas davor zurück, von staatlich organisiertem Doping zu sprechen, aber diese Scheu mag zweifelsohne unbegründet sein. Fakt ist, dass es fundamentale Veränderungen in allen Bereichen (von der Gesetzgebung, über die Sportorganisation bis hin zu tagtäglichen Umsetzung) braucht, um den kenianischen Dopingsumpf bekämpfen zu können. Und insbesondere braucht es ein hartes Durchgreifen der internationalen Verbände. Es ist in der heutigen Zeit nicht vermittelbar, dass Kenia in Sache Dopingkontrolle bestenfalls in der Steinzeit agiert und damit alle anderen Athleten massiv benachteiligt werden.

Daher warte ich gespannt auf die nächsten Tage: Die zuständige WADA-Kommission wird HEUTE erneut eine Beurteilung vornehmen und dann dem Vorstand eine Empfehlung geben, wie mit der durch zahlreiche Skandale schwer belasteten ostafrikanischen Läufer-Nation zu verfahren ist. Sollte die Kommission die Kenianer weiter als „non-compliant“ einstufen und diese Einschätzung vom WADA-Vorstand bei dessen Sitzung am 12. Mai bestätigt werden, könnte im äußersten Fall ein Ausschluss Kenias von den Olympischen Spielen in Rio stehen. Einen solchen kann die WADA allerdings nicht beschließen, sondern lediglich eine weitere Empfehlung an das Internationale Olympische Komitee (IOC) geben.

Unabhängig von der Empfehlung der WADA und dem (Nicht-)Handeln des IOC werde ich die Leistungen der kenianischen Läufer bei den Olympischen Spiele in Rio mit mehr Argwohn verfolgen als jemals zuvor. Natürlich wäre es unfair nur die Kenianer an den Pranger zu stellen; auch andere Länder (in Ostafrika) sind in Sachen Dopingkontrolle alles andere als Vorbilder. Aber: Wenn die führende Läufernation der Welt seit Jahren Doping aktiv duldet, dann darf man die Leistungen der Sportler kritisch betrachten. Und natürlich darf man die Leistungen der sauberen Athleten aus ’sauberen Ländern‘ besonders würdigen.