Ich habe ja schon vor Monaten in meinem Blogartikel „RB Leipzig – Ein Plädoyer für Fairness“ prognostiziert: „Ein ausverkauftes Stadion, 45.000 Zuschauer und RB Leipzig als Repräsentant der Bundesliga in Europa: Das wird kommen und irgendwann auch Tradition sein. Dann auch ganz offen als Red Bull Leipzig. Und das ist gut so!“. Und am Sonntag sind die Leipziger diesem Ziel ein großes Stück näher gekommen. Mit einem ungefährdeten 2:0 gegen den Karlsruher SC gelang der vierte Aufstieg innerhalb von sieben Jahren. Nächste Saison misst sich RB Leipzig dann also mit den ganz Großen des deutschen Fußballs.

Normalerweise müsste man sich für RB, die fußballvernarrte Stadt Leipzig und die Auferstehung des ostdeutschen Fußballs freuen. Stattdessen wird RB angefeindet und wer außerhalb Leipzigs offen auch nur einen Hauch von Sympathie für die Rasenballisten zeigt, darf sich auf dumme Kommentare einstellen. Nachdem ich im Juli 2015 Fairness im Umgang mit RB gefordert habe, trudelten zahlreiche saublöde Statements ein. Ich habe die damals mit einem Grinsen angenommen und sie als Bestätigung gesehen und ­– so viel vorab – das werde ich auch diesmal tun.

Insbesondere haben mich in den vergangenen Tagen die ‚Traditionalisten‘ aufgeregt, die RB als das Böse im Fußball hinstellen, ihre sportlich und finanziell schwächelnden Herzensclubs glorifizieren und parallel am besten noch von Leicester City schwärmen. Jenem Team, das unerwartet die Premier League gewonnen hat und damit dem Finanzestablishment die Grenzen aufgezeigt hat.

Fangen wir aber mal bei RB Leipzig, dem Stein des Anstoßes, an. Der besiegelte Aufstieg der Leipziger ist für viele ‚traditionsbewusste Fans‘ sowas wie der Untergang des Abendlandes. Ein Kunstprodukt ohne Tradition, das nur gegründet wurde um Red Bull noch bekannter zu machen. Was für ein Albtraum sagen viele. Was für ein Glück, sage ich. Ich bin weder RB-Fan, noch habe ich einen besonderen Bezug zu Leipzig. Aber ich finde, dass es in Deutschland eine gerechtere Verteilung des Spitzensports braucht.

Drei Viertel aller Deutschen interessieren sich für Fußball. Und doch gibt es keinen anderen Gesellschaftsbereich, in dem der Osten bis heute so diskriminiert ist. Jahrelang spielte in der Bundesliga nicht ein einziger Ost-Club, und in der zweiten Liga waren, abgesehen vom Dauergast Union Berlin, allenfalls Dynamo Dresden und der FC Erzgebirge Aue präsent. Alte Traditionsclubs wie der 1. FC Magdeburg, Hansa Rostock oder gar Carl-Zeiss Jena spielen bestenfalls drittklassig. Schauen wir im Gegensatz dazu einfach mal nach Westen: Alleine Nordrhein-Westfalen hat, wie der gesamte Osten, gut 17 Millionen Einwohner – aber halt auch fünf Bundesligisten (plus manch temporären Gast wie bspw. Fortuna Düsseldorf). Das Prinzip des deutschen Fußballs ist da ganz einfach: Bist Du einmal oben, bekommst Du höhere Einnahmen aus den TV-Verträge und zahlungskräftige Sponsoren. Bist Du über ein paar Jahren unten: dann bleibst Du auch unten. Wie um alles in der Welt soll sich also der ostdeutsche Fußball von den immer noch anhaltenden Auswirkungen der Wende erholen, wenn nicht durch externe Unterstützung? Regionale Großsponsoren wird man lange suchen und die Wirtschaftskraft in den einzelnen Regionen ist mitunter auch überschaubar. Kurzum: Dass ein Ostclub aus eigener Kraft den Anschluss an Clubs aus Dortmund oder Hamburg schafft, ist so wahrscheinlich wie ein Europameister namens San Marino. Theoretisch möglich, aber praktisch dann doch wieder nicht.

Wenn nun ein milliardenschwerer Sponsor daher kommt und aus einem Provinzclub aus Markranstädt den ambitionierten RB Leipzig formt (übrigens auch nur ohne irgendeine Form des Widerstands der Markranstädter), dann ist das erstmal ok. Oder glaubt jemand, dass das oft herangezogene Leicester City nur durch das Stadionbier und die treue Anhängerschaft der Arbeiterklasse finanziert wird? Und wenn sich der milliardenschwere Sponsor dann mit Leipzig eine Stadt aussucht, die 100% Fußballbegeisterung lebt und sich nach Bundesliga-Fußball sehnt, dann ist das nochmal ein Stück mehr ok. Und wenn ich dann sehe, wie RB sich auch und v.a. die Jugendarbeit auf die Fahne geschrieben hat (die mehr als nur ein stabiles Fundament für Bundesliga-Mannschaft bilden wird), anstatt nur fertig ausgebildete Stars an den Cottaweg zu holen, dann ist das … ich glaube es ist klar, was ich sagen will.

Aber ich kann auch gewisse (sachliche) Teile der Kritik verstehen. RB Leipzig zieht ein anderes Publikum an, als die Traditionsclubs aus dem Ruhrpott. Die kontrastreiche Darstellung von Familienausflug mit Eventcharakter gegenüber Samstagsbeschäftigung der malochenden Kumpel mag zwar überspitzt sein, aber so ganz falsch ist sie nicht. Momentan tummeln sich mit Wolfsburg (Volkswagen), Leverkusen (Bayer AG), Hoffenheim (SAP) und Ingolstadt (Audi) vier Quasi-Werksmannschaften in der Bundesliga, während ‚Charakterclubs‘ wie Bochum, Braunschweig, St. Pauli und Karlsruhe fast schon zum Inventar des Unterhauses zählen. Das schlägt sich natürlich auch in der Stimmung in den Stadien nieder. Aber auf der anderen Seite ziehen bspw. RB Leipzig und der FC Ingolstadt auch signifikant weniger Schwachmaten an, die Fußball nicht ohne hormongesteuertes Posen und ohne hirnlose Gewalt hinkriegen. Der Trend scheint klar: Die Oberkörper-frei-Romantik, der archaische Männlichkeitssport, verabschiedet sich in die unteren Ligen. In Leipzig dagegen sieht man Woche für Woche Tausende Kinder im Stadion. Da ist der Fußball wirklich ein Produkt – ein Familienprodukt. Ich find’s super. Und wer jetzt sagt „RB Leipzig ist Kommerzialisierung pur“, der hat noch nie die Leicester-Fanshops gesehen, die Kunden in die Shopping Malls des Hauptsponsors in Thailand locken sollen …

Man darf RB Leipzig auch zukünftig nicht mögen und Leicester das ‚Märchen Reloaded‘ gönnen. Was ich den RB-Hassern aber noch sagen will: Hört auf mit diesen dummen Superlativen, macht Schluss mit den hirnlosen Schmähungen und setzt Euch offen mit RB Leipzig auseinander. Dann werden die Niederlagen gegen RB in der nächsten Saison auch nicht ganz so schmerzhaft sein.

Ach ja, das war noch was: Glückwunsch RB Leipzig.