Türkischer Fußball. Das klingt nach leidenschaftlichen Fans und emotionalem Fußball. Bis vor ein paar Jahren waren diese Assoziationen auch völlig richtig. Im Jahr 2015 schaut die Lage aber gänzlich anders aus: Der türkische Fußball rutscht seit Jahren immer weiter in die Bedeutungslosigkeit ab, große Namen wie Galatasaray, Fenerbahce, Besiktas und Trabzonspor sind allesamt ein Schatten vergangener Tage und Zuschauerzahlen fallen ins Bodenlose. Und als Konsequenz ziehen sich auch die Sponsoren großflächig zurück.

Vor allem die gähnende Leere in den Stadien fällt dem Betrachter sofort ins Auge. Jahrzehntelang stand der türkische Clubfußball für volle Stadien, die sich regelmäßige in wahre Hexenkessel verwandelten. Auch ich wähnte mich unlängst (während der Übertragung von Besiktas gegen Genclerbirligi) im falschen Film. Ganze 1.200 Zuschauer im Stadion. Bei Besiktas ! Um das mal richtig einzuordnen: Das sind 400 Zuschauer weniger als bei der Regionalligapartie von Wacker Nordhausen gegen den FSV Zwickau !

Grundsätzlich gibt der türkische Fußball im Hinblick auf sinkende Zuschauerzahlen ein mehr als trauriges Bild ab. Die Auslastung der Stadien lag in der vergangenen Saison gar nur noch zwischen 46,0% (Balikesir) und grauenhaften 8,9% (Genclerbirligi). Diese unterirdische Auslastung liegt sicher nicht an unfassbar großen Stadien, sondern an tatsächlich beschämenden absoluten Zuschauerzahlen. Um es an einem einfachen Beispiel festzumachen: Fenerbahce, einer der größten Traditionsclubs mit riesigem Fanpotential, trug seine Heimspiele in der Saison 2014/15 vor durchschnittlich gerade einmal 13.660 Zuschauer aus. In der Saison durfte sich der SC Paderborn als abgeschlagenes Schlusslicht der deutschen Zuschauertabelle im Schnitt über 14.909 Zuschauer freuen. Das ist nichts anderes als ein Armutszeugnis für den türkischen Clubfußball. Nun könnte man glauben, dass der türkische Fußball am tiefsten Punkt angekommen ist. Doch ist dies wohl zu kurz gedacht. Ich glaube, dass dies nur der Anfang der Abwärtsspirale ist. Die spärlich gefüllten Stadien und das miserable internationale Abschneiden sind logischerweise auch den Sponsoren nicht entgangen. So gab im Januar mit Ülker einer der größten Sportsponsoren bekannt sich vollständig aus dem Fußball zurückzuziehen. Gerade nachdem zuvor schon andere Großsponsoren wie Avea, Türk Telekom, Bank Asya aus dem Fußball-Sponsoring ausgestiegen waren, trifft der Ausstieg eines der letzten etablierten Sponsoren die Liga massiv. Nicht nur, da nun Millionenzahlung für die Clubs ausbleiben, sondern sich v.a. auch weitere Sponsoren ein Beispiel nehmen könnten.

Überhaupt fällt es den türkischen Club immer schwerer Sponsoren zu finden, die bereit sind Millionenbeträge zu investieren. Zum Verständnis muss man sich mal vor Augen halten, dass Galatasaray einen Tag vor der Saison 2014/15 noch nicht mal einen Hauptsponsor hatte. Richtig gelesen: Galatasaray. Das Galatasaray, das vor 15 Jahren den UEFA Cup gewann, mit die meisten Fans weltweit hat und den türkischen Fußball wie kein anderer geprägt hat. Auch wenn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Fluggesellschaft Turkish Airlines von einem Engagement überzeugt werden konnte, dann spricht das Bände. Und dabei ist Galatasaray nicht einmal eine Ausnahme. Ähnlich katastrophal sah die Situation zu diesem Zeitpunkt auch bei den großen Lokalrivalen von Besiktas und Fenerbahce aus. Fenerbahce, der Club aus dem asiatischen Teil Istanbuls hat gar keinen Trikotsponsor gefunden und Besiktas auch nur mit Mühe und Not. Da sich Vodafone beim Bau des neues Besiktas-Stadion engagierte, lag es nahe (quasi als Notlösung) auch das Trikot zu übernehmen – sonst wäre wohl auch Besiktas ohne Trikotsponsor in die Saison gestartet. Aber wäre dies wirklich so schlimm, wie allgemein angenommen wird? Faktisch haben die Clubs in der Vergangenheit immer wieder immense Summe sinnlos verbrannt. Das Verhältnis zwischen Investitionen und Erträgen war jedenfalls in der Türkei nie das Beste. Von daher kann es vielleicht sogar heilsam für den türkischen Fußball sein, dass er zum Sparen und sinnvollen Ressourceneinsatz gezwungen wird.

Aus diesem Blickwinkel kann v.a. die Begrenzung der Anzahl ausländischer Spieler eine sinnvolle Maßnahme sein. Lange Jahre haben sich Clubs mit ihrer kurzsichtigen Transferpolitik selbst und dem türkischen Fußball geschadet. Zahlreiche Clubs sind durch schwachsinnige Transfers hoch verschuldet und dürften unter normalen Umständen keine Lizenz für die SüperLig erhalten. Aber was ist im türkischen Fußball schon normal ? Normal ist jedenfalls nicht, dass die meisten Club nun lieber astronomische Transfersummen für mittelmäßige türkische Profis ausgeben (da eine höhere Nachfrage auf geringes Angebot trifft), statt den Nachwuchs auszubilden. Für Westeuropäer kaum nachvollziehbar ist auch, dass die Türkei mit geschätzten 75 Mio. durchaus fußballbegeisterten Einwohner nicht vorzeigen kann, was den Namen Jugendarbeit auch nur im weitesten Sinne verdient hätte.

Und doch haben gerade einzelne Clubs aus der zweiten Reihe haben in den letzten Jahren mit soliden (Finanz-)Konzept überzeugen können und insbesondere mit einer professionellen Talentförderung auf sich aufmerksam gemacht. Wenn man bspw. an Kasimpasa oder Bursaspor denkt, dann hat man rasch zwei Klubs, die ihre Hausaufgaben in den letzten Jahren gemacht haben und den etablierten Klubs nun sportlich Probleme bereiten. Bursa wurde vor fünf Jahren sogar Meister! Die SüperLig ist ausgeglichener geworden und die kleinen Klubs sind auf einmal die Vorbilder und Vorreiter für die Großen der Liga. Eine durchaus interessante Entwicklung. Ob sich diese Gesundung allerdings dauerhaft und flächendeckend durchsetzen wird, ist mehr als zweifelhaft. Schauen wir nur mal kurz an die Mittelmeerküste nach Antalya. Der rüstet sich der frischgebackene Aufsteiger mal eben mit alternden Weltstars wie Samuel Eto’o auf – und will sogar noch nachlegen. Dem wollen natürlich die Istanbuler Topclubs nicht nachstehen und machen sich aktuell ebenfalls zur Shoppingtour auf. Soviel zum Thema Weitsicht und Nachhaltigkeit …

Abseits aller Zuschauerzahlen oder wirtschaftlichen Krisen sprechen auch die sportlichen Leistungen Bände. Das, was die Fenerbahces, Galatasarays und Besiktas’ dieser Welt zusammenspielen hat vielfach mit modernem, zeitgemäßen Fussball kaum etwas zu tun. Haben Sie sich jüngst mal ein Match der SüperLig angeschaut ? Dann wird Ihnen nicht entgangen sein, dass in Sachen Physis, Präzision, Technik, Taktik und Spielintelligenz gewaltige Unterschiede zur Premier League oder auch Bundesliga bestehen. Das trägt sicher auch nicht dazu bei, die Fanmassen wieder in die Stadien zu locken. Allerdings sind mangelnde sportliche Leistungen mehr das Resultat einer Krise, als deren Auslöser. Zu diesen Auslösern zählten stattdessen v.a. der Manipulationsskandal aus dem Jahr 2011 und natürlich der ‚Fall Passolig‘.

Aber mal von Anfang an: Durch den Manipulationsskandal im Jahr 2011 sind tiefe Gräben zwischen den Clubs entstanden. Beispiel gefällig ? Fenerbahce durfte trotz zweijähriger Europapokal-Sperre seinen Meistertitel behalten, der Meisterschaftszweite Trabzonspor zog vergebens von einer juristischen Instanz zur nächsten, um den Meisterpokal doch noch an das Schwarze Meer zu holen. Nicht nur Funktionäre von Fenerbahce und Trabzonspor trugen ihre Scharmützel öffentlich aus und verschärften so die Antipathie gegenüber anderen Clubs – und deren Anhängern. Gespalten haben den türkischen Fußball auch die regierungskritischen Gezi-Proteste im Sommer 2012: Während die Fanclubs der traditionell kemalistisch-orientierten Clubs Fenerbahce und Besiktas tausende Anhänger für die landesweiten Demonstrationen mobilisieren konnten, distanzierte sich Galatasaray relativ früh von den Protesten. Möglicherweise waren es auch solche Schauplätze, die Gewaltausbrüche im Clubfußball verstärkten und den Staat zu drastischen Maßnahmen veranlassten. Im Mittelpunkt dieser Maßnahmen stand das Gesetz 6222 (verabschiedet im März 2013 als „präventives Gesetz gegen Gewalt und Fehlverhalten”). Auf Grundlage dieses Gesetzes führte der Türkische Fußballverband TFF Anfang 2014 die Fankarte Passolig ein. Dabei handelt es sich um ein personalisiertes, elektronisches Ticket, zu dessen Kauf alle verpflichtet sind, die Spiele in Stadien der türkischen Profiliga besuchen wollen.

Passolig ist ein Plastik-Ticket im Scheckkartenformat, auf das die Eintrittsberechtigung für einzelne Spiele aufgeladen wird. Fanrechtsaktivisten übten sogleich Kritik, insbesondere der de facto kaum vorhandene Datenschutz wurde beanstandet. Trotz massiver Proteste wurde die Einführung der Fankarte kompromisslos durchgesetzt. Sicher nicht zuletzt, da eine politische Motivation nicht von der Hand zu weisen ist. Das Ticketsystem wird von der Aktif-Bank gemanaged, die zur Investmentgesellschaft Çalık Holding gehört, der ihrerseits der AKP-Regierung nahe steht. Vor allem der Umstand, dass Recep Tayyip Erdogans Schwiegersohn mit nur 29 Jahren die Leitung des Konzerns übernahm, hinterlässt einen seltsamen Beigeschmack. Passolig hat also eine win-win-Situation geschaffen: für die Aktif Bank und die Regierung. Das Finanzhaus mit nur acht Filialen und ohne offizielle Banklizenz konnte abertausende Neukunden dadurch gewinnen, dass jede Karte zugleich mit einer Kreditkartenfunktion ausgestattet ist. Erdogan wiederum ist es gelungen, umfassende Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen in Fußballstadien zu installieren.

Unabhängig davon, ob man der offiziellen Linie folgt und Passolig als durchschlagenden Erfolg im Kampf gegen Gewalt in Stadien sieht oder nicht: De facto hat die Fankarte den Stadionbesuch für den Großteil der türkischen Fans unattraktiv gemacht. Unabhängig von allen politischen Hintergründen sind es v.a. die normalen, nicht organisierten Fans, die sich den Matchbesuch nicht mehr antun wollen. Ihnen ist das neue System zu teuer und aufwändig für 90 Minuten Fußball. Jedenfalls wurden auch nach offiziellen Statistiken nur 270.000 Fankarten verkauft worden. Das ursprüngliche Ziel von einer Million Fankarten ist somit nicht mehr als am Horizont zu erahnen. Die Folgen sind klar: Die Stadien sind verwaist. Selbst die großen türkischen Clubs (Fenerbahce, Besiktas, Galatasaray und Trabzonspor) schätzen sich heute fast schon glücklich, wenn sie im Schnitt auf die Hälfte der Zuschauerzahlen aus der Pre-Passolig-Zeit kommen.

Solch einschneidende Veränderungen ziehen natürlich einen ganzen Rattenschwanz an Folgen nach sich. Durch sinkende Erlöse aus Ticketverkäufen und daraus resultierende Sponsorenabsprünge wird dem türkischen Clubfußball kurzfristig kaum möglich sein eine international wettbewerbsfähige Liga auf die Beine zu stellen. Faktisch haben die Clubs die Wahl: Entweder sie verschulden sich durch übertriebene Spielereinkäufe weiter oder sie fangen endlich mit dem Aufbau einer funktionierenden Jugendarbeit an. Die Lücke, welche die fehlende Generation junger türkischer Spieler verursacht, wird man nicht schnell schließen können. Wenn man es aber schafft diesem Weg konsequent und mit langem Atem zu folgen, dann wird sich der türkische Fußball irgendwann erholen. Um ein gesunder türkischer Fußball mit leidenschaftlichen Fans und einer maximalen Identifikation mit jungen (vorwiegend türkisch-stämmigen) Mannschaften lässt den Sponsoren keine Wahl: Sie müssen fast schon zwangsläufig als auf die Fußballbühne zurückzukehren, wollen sie nicht selbst einer gigantischen Kommunikationsplattform berauben. Die Reste des einst großen türkischen Fußballs üben jedenfalls immer noch eine gewisse Faszination aus. Passend dazu steht Fenerbahnce kurz davor den Stadionnamen für das Şükrü Saracoğlu Stadyumu zu verkaufen. Favorit auf das Name-Sponsorship ist angeblich die Katar National Bank.