Nachdem ich mich vor ein paar Wochen schon mit einem der bekanntesten Doping-Wirkstoffe (EPO) beschäftigt habe, ist nun eine mindestens genauso bekannte Wirkstoffgruppe dran: Anabolika.

Was sind Anabolika?

Die bekanntesten Wirkstoffe aus der Gruppe der Anabolika sind die anabolen Steroide. Abseits des wohl bekanntesten Hormons überhaupt, genau: Testosteron, fallen auch künstlich hergestellte Steroide mit vergleichbaren Wirkungen darunter. Dazu zählen: Dehydrochlormethyltestosteron, Nandrolon, Metandienon, Stanozolol, Furazabol und Metenolon. Anabole Steroide sind Wirkstoffe mit anabolen und androgenen Eigenschaften. Sie erhöhen den Aufbau der Skelettmuskulatur, fördern die körperliche Leistungsfähigkeit und reduzieren das Körperfett. Die Effekte beruhen auf der Bindung an intrazelluläre Androgenrezeptoren und der daraus resultierenden Proteinsynthese. Der Prototyp der Arzneimittelgruppe ist das männliche Sexualhormon Testosteron.

Ebenfalls als Anabolika gelten die β2-Sympathomimetika. Diese Substanzen wurden als Arzneistoffe zur Behandlung asthmatischer Beschwerden entwickelt. Neben der gewünschten bronchienerweiternden Wirkung zeigen sie lipolytische (fettabbauende) und muskelaufbauende Nebenwirkungen. Diese Nebenwirkungen werden bewusst insbesondere in der Viehzucht und für Dopingzwecke ausgenutzt. Insbesondere Clenbuterol findet eine Anwendung als Anabolikum. Herz-Kreislauf-Probleme, Muskelzittern, Muskelkrämpfe und Kopfschmerzen stellen häufige Nebenwirkungen der systemischen Anwendung von β2-Sympathomimetika dar.

Als dritte Gruppe innerhalb der anabolen Wirkstoffe sind dann noch die Wachstumshormone anzuführen. Diese regulieren das Zell- und Körperwachstum und verfügen somit ebenfalls über eine anabole Wirkung. Zu ihnen gehören u. a. Somatotropin (Wachstumshormon, hGH), Insulin und die Somatomedine, die auch als Insulin-like growth factors IGF bezeichnet werden. Insbesondere die derzeit in Dopingtests noch nicht nachweisbaren körpereigenen Substanzen Somatotropin und Somatomedin C (IGF-1) werden unerlaubt im Sport zur Leistungssteigerung eingesetzt. In Kombination mit Somatotropin wird oft Insulin angewendet, da Insulin die durch Somatotropin verringerte Glucoseaufnahme in die Muskelzellen kompensiert.

Zu den am meisten missbräuchlich verwendeten synthetischen Anabolika zählen Nandrolon, Metandienon, Stanozol und Metenolon.

Interaktionen und Nebenwirkungen

Zahlreiche anabolen Wirkstoffe, darunter auch Testosteron, werden von CYP3A metabolisiert und sind anfällig für Arzneimittel-Wechselwirkungen. Weitere Interaktionen sind unter anderem mit Antidiabetika und Antikoagulantien möglich. Grundsätzlich sind anabole Wirkstoffe für eine große Zahl an unerwünschten Nebenwirkungen bekannt – dazu zählen:

  • Hormonelle Nebenwirkungen: Abnahme der Hodengrösse, Zeugungsfähigkeit, schmerzhafte Vergrößerung der Brustdrüse beim Mann (Gynäkomastie), Prostatavergrößerung, Vermännlichung bei Frauen, tiefe Stimme
  • Metabolische Veränderungen: Verschlechterung des Lipidprofils, Störungen des Glucosestoffwechsels
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck, kardiovaskuläre Komplikationen wie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall, Hypertrophie der Herzmuskulatur
  • Neuropsychiatrische Störungen: Reizbarkeit, Aggressivität, Paranoia, Depression, Euphorie, Manie Angst, Libidostörungen, Abhängigkeit
  • Haut: Hautausschläge, Akne, Haarausfall, fettiges Haar, Gelbsucht, lokale Reaktionen an der Injektionsstelle
  • Weitere: Ödeme (Wassereinlagerungen, Flüssigkeitsretention), Lebererkrankungen, Krebserkrankungen, Sehenriss

Anabolika und Doping

Schon in den 1940er Jahren gab es einen Markt v.a. für synthetisches Testosteron. Dies lässt sich schon davon ableiten, dass es damals klinische Tests sowohl mit Testosteronproprionat – einem modifizierten Molekül, das sich anders als Testosteron als Depotpräparat einsetzen lässt – als auch mit Methyltestosteron, das man oral verabreichen kann und das langsamer als Testosteron abgebaut wird, gab. So kann es nicht verwundern, dass spätestens Anfang der 1960er Jahre der Einsatz von Anabolika im Sport Alltagspraxis war.

Anabol androgene Steroidhormone wurden erstmals 1976 verboten und stellen seitdem die Gruppe der am häufigsten verwendeten Dopingsubstanzen dar. Und acht Jahre später wurde dann auch die Anwendung des körpereigenen Steroidhormons Testosteron untersagt. Die Wirkung anaboler Steroide und die damit einhergehende Rolle in der Dopinglandschaft lässt sich schon daraus ableiten, dass von noch 1994 ca. 70% aller positiven A-Proben weltweit auf diese Wirkstoffe zurückzuführen waren.

Insbesondere Amateure mit Ambitionen in Richtung kontrolliertem Leistungssport sollten Vorsicht walten lassen: Gerade in Nahrungsergänzungsmitteln sind oftmals sogenannte Prohormone von Testosteron und Nortestosteron enthalten (dies gilt primär für die nordamerikanischen Märkte). Allerdings stehen diese Prohormone auf der Liste der unerlaubten Wirkstoff der WADA und sind damit im Sport verboten.

Erlaubte Anwendungsgebiete

Abseits des Doping gibt es natürlich auch eine erlaubte (juristisch wie moralisch) Anwendung für anabole Steroide. Länger schon als zum Doping setzt man einerseits Anabolika mit möglichst schwacher virilisierender Wirkung ein, um die Synthese körpereigener Proteine zu steigern; andererseits künstliche Androgene, um einen Mangel natürlicher Hormone zu kompensieren. Da anabole Steroide auch die Bildung roter Blutzellen (Erythrozyten) anregt, fanden sie – als Knochenmarkstransplantationen und die Behandlung mit synthetischem Erythropoetin (dem schon behandelten rhEPO) noch nicht möglich waren – bei manchen Formen von Blutmangel Anwendung. Außerdem waren anabole Steroide bis in die 1980er Jahre Behandlungsstandard im Kampf gegen Depressionen und Psychosen mit autistischen Verwirrtheitszuständen. Aber: Mit dem Fortschritt der Pharmakologie wird auch die Abgrenzung von erlaubter Anwendung und Missbrauch immer schwieriger. Der wichtigste Aspekt wird daher sein die Nebenwirkungen und den Nutzen einer medizinisch indizierten Anwendung gegeneinander abzuwägen.